Montag, 20. April 2009

Nach dem Sueden hin gezz

Gleich werde ich munter ins Land fahren, den sicheren Platz bei Tantchen verlassen, mit meinem SUV die suedliche Ostkueste erobern zuerst in Richtung Atlantic City und dann immer weiter ueber Delaware bis zu North Carolina’s Outer Shores und hoffentlich Pelikane sehen und was weiss ich noch.

Ein klein wenig Sorge habe ich trotz aller Vorfreude, denn zum einen scheint es in diesem Land keine Hostelkultur zu geben, in dem Sinne, dass man andere Reisende kennen lernen und gesellig sein kann. Zum zwoten macht mir die Situation mit oeffentlichen Computern Gedanken, denn immer, wenn ich nach Internetcafes frage, ernte ich Schulterzucken. Ich werde sehen. Oder eben nicht.

Die letzten2 Tage sind Verwandtschaft erfuellt gewesen. Dabei lerne ich einige Neue kennen, einige Alte sehe ich wieder und - dafuer sind Geburtstagspartys eben auch da - mit verrueckten Onkels stosse ich an, mit flotten Nichten und Basen wird getanzt, mit lustigen Tanten Witze gemacht und mit den verstreuten Vettern Trinksprueche geuebt. Ich bin sogar schon soweit, dass ich klugerweise anfange, zwischendurch Wasser zu trinken, da ich sonst befuerchten muss, zu frueh schlapp zu machen, doch so lustig wie Anitas Geburtstag ist, so abrupt ist er auch zu Ende. Um 10 Uhr brechen sie meisten auf, entschuldigen sich mit weiten Anfahrten und all so Zeug. So faengt zu meiner Verwunderung schon um kurz vor 11 das Aufraeumen an. Auch meiner 80-jaehrigen Tante ist das deutlich zu frueh, aber egal; gefreut hat es sie trotzdem. So gesehen, freunde ich mich noch kurzfristig mit dem Barkeeper an, der mir waehrend seines Tresensaeuberns ungetruebt Bier nachschenkt, eine Taetigkeit, die auch von Karen und Fiona, zwei beschwesterten irischen Lehrerinnen nicht unbemerkt bleibt. Es wird noch ein krachend lauter Spass mit den Beiden. Sie koennen ganz gut was verputzen, leider sind sie bedrohlich unzierlich und um Mitternacht ist endgueltig Sense.

Die Weissen sind unsere Girls

Den naechsten Tag verbringe ich eine Autostunden entfernt im noerdlichen NJ auf einem Schulfussballplatz und schaue mir die Nichten beim poehlen an. Die Maedels legen sich maechtig ins Zeug, verlieren aber dennoch. Was mir aber viel bemerkenswerter scheint, ist die hier durchaus gesittete Atmosphaere. Zunaechst wird meine Frage nach Bier- und Wurststand abschlaegig beschieden. Na gut, wird auch mal ohne gehen. Als naechstes faellt mir positiv auf, dass man ganz nah am Geschehen auf Klapphockern und auf Decken sitzt und der Linesman durchaus in Fluesterweite sein Tagwerk verrichtet. Da ich auch hier mit den Gepflogenheiten nicht vertraut bin, frage ich erneut, diesmal, in welcher Form, man die Pfeifenmaenner bepoebeln darf. ‘Gar nicht’, lautet die amuesierte Antwort, auch solle man sich eines allgemein gepflegten Tons bedienen, ansonsten wuerde man von einem S.A.G.E. der zuschauenden Gemeinschaft verwiesen, einer Aufgabe, die heute meiner Kusine Diana unterliegt. Auch Gegnerinnen beschimpfen waere unfein, nur mutmachende Anfeuerung sei erlaubt. ‘Bestimmt’, spinne ich den Faden weiter, ‘darf ich auch nichts mit bestimmten abnormalen Sexualpraktiken zum Ausdruck bringen’, als mir eine andere Soccermom mit lustigen Sommersprossen vorschlaegt, es doch auf Deutsch zu sagen, das wuerde man dann eventuell nicht verstehen. Ich halte mich dennoch zurueck, bin aber begeistert, dem Gast die Ausuebung seiner gewohnten Rituale in massvoller Form einzuraeumen.

Soccermoms bei der Arbeit, links vorn 'The Wobbler'

Nach einer Weile macht mir die ganze Picknickatmosphaere sogar Spass, immer mehr Muetter und auch einige Vaeter kommen hinzu, auch Neffe Andrew, den sie alle den ‘Wobbler’ nennen, wegen seines Entengangs. Alles in Allem herrscht nette Plauderatmosphaere, Rezepte fuer Drinks werden auch ausgetauscht und die gelegentlichen Traenen verletzter Spielerinnen werden mit nur wenig Empathie zur Kenntnis genommen.

Anschliessend fahre ich noch zur Mischpoke nach Haus, auf eine lockere Tasse duennen Kaffees und lustigem Schwaetzchen und als ich fuer ein bisschen Frischluft auf die Terasse trete sehe ich doch tatsaechlich meinen ersten richtigen Baeren. Potztausend! Sicher sei der zahm sage ich verdattert, doch mein Onkel erwidert ein trockenes ‘Nein’ und lacht dabei so schallend, dass es Meister Petz wieder in den Wald treibt.

Der Schwarzbaer ist ein harmloser Geselle der heimische Waldfauna

Nachdem ich mich mit einem Bierchen von dem Schreck erholt und von allen verabschiedet habe, frage ich mich auf dem Heimweg noch im Rueckblick auf die Sitten, u.a. beim Fussball, welche Auswirkungen es auf eine Gesellschaft hat, wenn immer auf Ruecksichtnahme geachtet werden muss. Wie lernen sie es, mit Zurueckweisung umzugehen? Und wie erlernen sie Witz, die schaerfere Variante von Humor, wenn sie ihn nie gebrauchen muessen?

Samstag, 18. April 2009

1 Tag in New York

Da die Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten des 80. Geburtstages meiner Tante bedrohliche Ausmasse anzunehmen scheinen, beschliesse ich einen kurzen Tagestrip nach NYC. Seit Wochen schon habe ich einen Besuch zum ‘Museum Of Natural History’ auf dem Zettel, und nun isses soweit. Schliesslich soll es eines der weltbesten sein. Das sollte man auch erwarten in God’s own country.

Im Zug bummele ich etwas mehr als eine Stunde durch New Jersey, erst an gepflegten Haeusern wohlhabender, weisshaeutiger Leute vorbei, dann kommen in Newark endlich auch backsteinige Mietskasernen in den Blick und kurz bevor es in einen Tunnel in die grosse Stadt geht, noch durch die Suempfe des Hudson River noerdlich von Hoboken, Geburtsstadt von Frank Sinatra und Pia Zadora. Der letzte Halt ist die Pennsylvania Station am Madison Square Garden, 7th and 32nd. Manhattan, NYC.

Es ist eben mal kurz vor halb zehn, die Sonne scheint, Fruehling kommt auch hier zum Zuge, doch ist es noch ein wenig frisch, als ich ins obere Reich trete, gerade so, dass es nicht unangenehm werden kann, und sofort finde ich es geil, hier zu sein. Ich freue mich sogar, wenn ich mich recht erinnere, das erste Mal, dass diese Stadt mich fuer sich einnimmt. In der naechsten Bank geht es gleich weiter. Ich muss Reiseschecks zu Barem machen, und das afroamerikanische Frollein am Schalter ist gut aufgelegt und ein lustiges Ding. Sie kichert wild, wenn ich meine kleinen Witzchen mache.

Doch ich reisse mich los, warten doch Meteoriten und ausgestopfte Tiere in rauhen Mengen auf mich. Mit dem ‘C’-Line fahre ich bis 81st und kann von dort direkt in den Kassenraum des beruehmten Museums hinein. Mich erwarten zu meinem Leidwesen lange Schlangen mit plaerrenden Blagen (pB’s), desinteressierten Pubertierenden (dP’s) und eine Haufen dicker Eltern (dE’s). Das mit den dE’s wird nach Entrichtung des Eintrittsmarge von $ 15,- weniger, da von anderen Eingaengen auch andere Eltern die anwesende Masse verduennen. Trotzdem bin ich hier waltechnisch ein Waisenknabe. Die dP’s fallen nicht weiter auf, dafuer beherrschen die pB’s das komplette Geschehen. Und da das ein sehr, sehr grosses Museum ist, passen davon auch sehr, sehr viele hinein.

Anflug auf das antike Alexandrien


Preusse, der ich bin, gehe ich planvoll vor, von oben nach unten, fange also bei den Palaeontologischen Raeumen an und arbeite mich sukzessive zum Weltraumzeitalter vor. Leider klaptt es nicht ganz so iwe gedacht, da sich hier die verschiedensten wissenschaftlichen Bereiche kunterbunt abloesen. Gerade noch habe ich Saurierskelette bewundert, schon stehe ich bei irgendwelchen pazifischen Ureinwohnern in der Kueche. Fast fuehle ich mich wohlig an Suedamerikanische Ausstellungskultur erinnert, doch dafuer ist das hier alles zu fundiert und professionell ausgestaltet, manchmal gar ein bisserl viel.

Elefanten in der Nacht haben mich um den Schlaf gebracht

Nur von den Dioramen kann ich nicht genug bekommen. Riesige Schaukaesten mit zauberhaft ausgestellten Tierhorden Afrikas, Asiens oder sonstwo. Immer in ihrem naturlichen Habitat platziert, welches sich unmerklich in eine in den Hintergrund gemalte Landschaft hinueberstiehlt, deren Naturalismus eine perfekte Illusion zu schaffen vermag. Rasch fasse ich den Entschluss, die voelkerkundlichen Raeume, auch die geologischen und was weiss ich noch alles, im Stechschritt zu durchmessen, nur damit ich meine Zeit mit nichts anderem als diesen Kunstwerken des schoenen Scheins vertroedeln zu koennen, einzig gestoert von krakeelenden Massen an dE’s, dP’s und pB’s. Trotzdem wird es drei Uhr nachmittags, ehe ich den Laden verlassen kann, und das einfach nur weil ich keine Lust mehr habe, lieber nochmal raus will, Atmo schnuppern.
Fast wie daheim

Zuerst gefaellt es mir immer noch wie am Morgen. Ich gehe Central Park West entlang, biege nach rechts, komme auf die Columbus, weiter Richtung downtown, mein Fuesse mittlerweile sehr erschoepft. Ich habe das strikte Beduerfnis, mich zu setzen, eine Kaffee zu trinken, sehe aber nur stullte ‘Starbucks’, alle voller Leute, keine Tische auf den Strassen, sodass ich am Ende kleinlaut bei McDoof lande, wo Nachmittagsfernsehguckeltern ihre missratene Brut anbloeken. Wieder auf der Strasse merke ich, dass mir der Anflug von Faszination bezueglich dieser Stadt schon wieder floeten gegangen ist. Mit einem Mal bin ich enttaeuscht und zwar so masslos, dass ich sogar Heimweh nach unserer schoenen Hauptstadt habe.

Da gehoert eingeschritten! Um die naechste Ecke bietet sich eine Gelegenheit. Ein Eingeborener nimmt an einem Hauseingang die Landesfahne ab, wahrscheinlich fuer rituelle Zwecke, und hat dabei Muehe, sie zu baendigen. Waehrend er mit seinem Kopf noch halb unter dem Nationalstoff steckt, frage ich ihn schon, ob ich von ihm ein Foto machen darf, was er, New Yorker bis ins Mark, tapfer bejaht, wenn ich ihm nur ein wenig huelfe. Wie kann ich da nein sagen und so bekomme ich auch mein Bild. Ausserdem habe ich wenigstens bis zum naechsten Block ein Stueck Begeisterung wieder erlangt.
So sieht's doch aus!

Auf dem weiteren Weg passiere ich u.a. den Times Square und wundere mich schon gar nicht mehr ueber die Menge an Leuten, die einem Flyer und jede Menge andere Verkaufsangebote in die Hand stecken. Meine Umgebung ist ein einziges Gesummse und Geplaerre. Wer die wohl alle bezahlt? Wahrscheinlich bekommen sie nicht mal genug zum Leben. Auf jeden Fall scheinen sie Spass zu haben, sie lachen oft, und wenn man sich in der rasenden Hektik Zeit fuer einen Blick nimmt, kann man sogar einbezogen werden.

Als ich um etwa 4.30 Uhr meine 50 Blocks bis zur Penn Station gelaufen bin, wollen mir die Fuesse fast abfallen, und doch muss ich noch mal zu Macy’s rein, nach ‘nem Anzug gucken. Markenklamotten sind hier unsagbar billig, und schon den Tag zuvor war ich einer Outlet Mall, mich pleitieren. Der Aufzug in den 3. Stock enthaelt eine Frau mit Kinderwagen und zwo very dicke Damen, die bei meinem Eintreten etwas von Sardinenbuechse faseln, was ich angesichts ihrer Heuballen aehnlicher Figuren fuer degoutant halte. Oder reden die gar nicht von sich?

Oben hat’s dann gaaaaanz zauberhaften Zwirn von Calvin Klein und mit gerade mal 250 Piepen waere ich dabei, kann mich aber echt nicht entschliessen, verschiebe einen moeglichen Kauf lieber auf kurz vor Schluss, wenn klar ist, wie schlimm meine ganz persoenliche, gefuehlte Finanzkrise sich ausnimmt. Schweren Konsumherzens flaniere ich mit meinen nunmher voellig unwilligen Fuessen zum Zug. Als ich mich setze, bin ich schwer mued. Wieder an den Hudson Swamps vorbei, sinniere ich ueber NYC wie schon oft: Kann man machen. Muss man aber nicht.

Noerdlich Hoboken

Dann unternehme ich wohl noch eine Anlauf. Demnaechst.

Donnerstag, 16. April 2009

In der neuen Welt

So, nun bin ich grad mal ein paar Stunden im Reiche des neuen Superpraesidenten, und schon habe ich wieder mit Anti-Umlaut-Tatstaturen zu kaempfen. Obendrein vertauschen sie hier boeswillig das y mit dem z und treiben anderen Schabernack. Sei’s drum. Viel Feind, viel Ehr.

Von der Reise an und fuer sich gibt es nicht viel zu berichten. Am Mittwoch morgen geht es von Tegel los mit dem ueblichen Check-in Gedoene und Verhandlungen, ob nicht doch noch ein Platz am Notausgang…wegen der langen Beine…Sie verstehen…nur bis Frankfurt…den langen Toern leider nein…Schade…kann man nix machen…bitte da entlang.

Und dann die erste Zusammenkunft mit grenzdebilem Sicherheitspersonal, die mit mir diskutieren wollen, wie fluessig und somit sicherheitsrelevant meine Zahnpastatube ist und – da mein zweiter Vorname ‘Renitenz’ ist – ausgiebig. Mir steckt auch das ausgiebige Gefummel der Pieps-Abteilung noch in den Knochen, sodass ich kurzerhand bereit bin, die gefaehrlichen Hygieneartikel ihrem Schicksal zu ueberlassen, anstatt mir ein Plastiktuete fuer deren ordnungsgemaessen Lufttransport zu kaufen, und, siehe da: Die Kontrolltante faengt das Stammeln an. Sie ist mit dem ploetzlichen Ableichtern solcher Dinge ueberfordert, sie hat solch eine Reaktion anscheinend nicht einkalkuliert. Welch unerwarteter Triumph! Und es kommt noch besser: Ein neben mir, gerade kontrollierter, anderer Mann entpackt seine enbensolchen Habseligkeiten, leiht mir sein Plastiksaeckchen fuer die Kontrolle, die ich nun anstandslos passiere, und erhaelt dieses mit einem komplizenhaften ‘Danke Schoen’ hinterher wieder. Was ein Coup!

Fliegen finde ich im Uebrigen totlangweilig, besonders lange Strecken. Diese dauert immerhin 7 komma 5 Stunden von Frankfurt bis Newark und ist bis auf den letzten Platz belegt. Mein Sitznachbar ist ein hoeflicher, junger, muslimischer Inder, dem ich die ganze Zeit munter was vortrinke, da unsere gute Lufthansa mit Alkohol grosszuegig ist. Den Inder juckt’s aber nicht, denn er ist schon seit Bangalore unterwegs, also bestimmt schon seit ‘ner Woche odyssiert, und er schlaeft dementsprechend. Wenn er denn mal wach ist, erfahre ich, dass er auf einem Businesstrip und so eine Art Computer-Inder ist. Von mir aus.

Das fuer uns zustaendige Personal ist eine recht rigide Stewardess, was ich ja sehr mag, und ein maennlicher Flugbegleiter, der aussieht wie ein Krawalltuerke vom Bornheimer Hang. Doch er traegt einen spanischen Namen und ist ein Charmebolzen vor dem Herrn. Die beiden geben ein Superteam ab, welches sich in seiner Auspraegung leicht an die Masche ‘Guter Cop, Boeser Cop’ anlehnt, um die kindische Passagierlandschaft zur Raeson zu bringen. Die beiden unterhalten mich besser als das duerftige Unterhaltungsprogramm. Es ist deutlich gestriger Standard, mit seinen Overhead-Monitoren und einem Film fuer alle. Und dann ist das auch noch “Malvin & I”, ein voellig nutzloser Film ueber ein Ehepaar mit Kindern und einem Hund (Malvin). Die Beiden heiraten, kaufen einen Unerziehbaren Hund, kriegen 3 Kinder, ziehen um, arbeiten als Journalisten, sind immer gluecklich, der Hund stirbt und nun fehlt er ihnen. Das Ganze ist so arm an Hoehepunkten wie Dauerdurchfall.

Ansonsten bin ich aber mit den Features unserer heiligen Lufthansa zufrieden. Die Angestellten sind korrekt mit leichten Entertainmentqualitaeten, am Schnaps wird nicht gegeizt, die Beinfreiheit der Sitze ist in Ordnung und Ottl Eichers Design gefaellt mir immer noch.

Nach der Ankunft dann die gefuerchtete amerikanische Homeland Security. Was kursieren da fuer Geschichten! Am Ende ist das alles nur warmer Schmauch und grosser Buhei, um den Leuten so ein Gefuehl von gefuehlter Sicherheit zu verfuehlen. Die ueberbordende Unfreundlichkeit ist dabei wohl nur dem angenommenen Ernst der Lage geschuldet, denke ich. Doch als sich bei der Mietwagenstation von ‘National” diese Miesepetrigkeit fortsetzt, glaube ich, dass die einfach von ihren schlecht bezahlten Scheissjobs genervt sind. Soll mir aber Wurscht sein. Mein mittelgrosses SUV macht jedenfalls Spass und laesst mich sogar vergessen, dass ich meinen 1977er Rand McNally Strassenatlas vergessen habe und nun aus zehn Jahre alter Erinnerung zu Anita finden muss, wegen derer 80jaehrigem Geburtstag ja urspruenglich hier bin.

Mit einiger Fragerei und taktischem Einkreisen der Zielzone komme ich schliesslich um 17.43 Uhr East Coast Time an. Sie freut sich sehr ueber meine Besuch, bei einer Tasse Kaffe tauschen wir Neuigkeiten aus und ich bin nicht ueberrascht die Gute immer noch froehlich agil zu erleben. Seit nunmehr ueber 20 Jahren leitet sie ihre eigene Privatschule, lebt ihren Traum, ist gluecklich und erfolgreich. Ist doch tofte.

Leider habe ich hier noch einige Unwaegbarkeiten, was die Berichterstattung angeht. Gut moeglich, dass ich mal Schwierigkeiten haben werde oeffentliche Computer zu ergattern. Ob und wie das mit der Veroeffentlichung von Fotos klappt, weiss ich auch noch nicht, aber ich gebe, wie immer, alles. Chau.

Sonntag, 12. April 2009

Es geht mir schon wieder

Nun bin ich aber froh, daß ich noch lebe, uff und üffer! Da will ich einem Kumpel einen Gefallen tun, noch dazu einen bezahlten und sage ihm zu seinen alten Catering-LKW, bestehend aus Zugmaschine und Küchenanhänger bis hinter Kassel zu fahren, im Unklaren darüber, daß die Karre 1,5 Jahre gestanden hat und amtlich verrostet und sonstwie fertig ist. Nur fahren kann sie wohl noch und da ich die Piepen gern habe, sowie denke, daß werde schon gut gehen, fahre ich los, wenn auch sowieso zu spät am Tage, da ja hier und da noch was gefummelt werden muß.

Ab Tanke Michendorf nehme ich erstmal die Abfahrt nach Leipzig, merke es aber nicht, selbst die Autobahnabfahrten heißen hier anders als auf der gewohnten A2, aber egal. Wegen des Zustands des Fzgs. fahre ich nicht allzu fix, dennoch platzt mir 30 km vor Dessau ein Hängerreifen. Mit Ach und Krach kriege ich den Metallhaufen zum stehen. Ich rufe den ADAC an, merke endlich, daß ich auf der falschen Autobahn bin und füge mich in mein Warteschicksal, sage schon mal alle Termine für den Folgetag ab und lasse mich zwischendrin von einem grenzdebilen anhaltinischen Autobahnbullen über meine Pflichten belehren. Als nach 1 ½ Stunden noch nix passiert, rufe ich die Hotline-Uschis noch mal an und muß mir anhören, daß sie meine Telefonnummer versust haben und deswegen nix machen konnten (was meine Nummer damit zu tun hat?), aber in der nächsten halben Stunde käme einer vom Truck-Service.

Die ganze Pracht

Nach einer weiteren Stunde kam der wirklich. Ohne Ersatzrad. Das mitgeführte ist nämlich rissig wie Osteoporose, weswegen ich ein neues empfahl. Gut, montiert er eben das olle (noch ´ne Stunde), überbrücken auch noch, da die Batterie plötzlich scheitert und fährt dann mit mir bis Dessau zum Reifendienst, ein neues kaufen (noch ´ne Stunde). Das montieren dauert noch ´ne Stunde, dann darf ich endlich weiter, fahre nur noch 70, biege bei Jena auf die A4 und darf mit der schwachbrüstigen Zug-Mamsell erfahren, was Steigungen sind. Und Baustellen. Und Kombination von allem. Mit Steigungen meine ich, daß jedes Prozent zu dem Geschwindigkeitsverlust von etwa 9 km/h führt.

Ein Stück der Pracht

Was hinauf teilweise zu Vmax 40, 30, 20 führt und bei im Nacken sitzenden 40-Tonnern zur Ausbildung großen Selbstbewusstseins führen kann, ist bergab nur peinlich, da der Hänger zum selbstständigen Überholen neigt und mit Bremsmanövern im Zaum gehalten werden will. Mehr als Tempo 60 traue ich mich nicht. Ich stelle mir ansatzweise vor, mir platzt wieder ein Reifen, und ich muß einfach auf der echten Fahrspur stehen bleiben, weil es keinen Standstreifen gibt. Außerdem habe ich bei einem kurzen Kontrollhalt bemerkt, daß sämtliche elektrischen Lichter ausgefallen sind und noch nicht mal Warnblinker geht. Oh Gott, wir werden alle umkommen!

Nein, entscheide ich! Lieber fahre ich kurz vor Weimar raus, nehme ein Hotel und trinke Bier. Weiterfahren tue ich morgen. Der Empfänger der Karre ist eh bereits informiert. Mein Mantra lautet seit einiger Zeit sowieso „Morgen wird alles besser.“ Nur wie?

Am folgenden Tag starte ich früh, die Batterie ist wunderbarerweise voll da, doch ich verspüre so etwas wie Lebensmüdigkeit. Ich stelle mir vor, daß die doppelte Intensität solchen Sentiments einen Menschen zum Suizid treiben könnte, fahre aber tapfer los. Es ist die übliche Litanei aus Steigungen und Baustellen, ich füge mich in das Unabwendbare, meine Unlust steigert sich in Schwermut. Bis die Sache mit der Brücke passiert. Also, passiert ist eigentlich nicht so viel und dann eher innerlich. Wie ich nämlich so über eine Kuppe gekrochen komme und mit Bremse und niederen Gängen hantiere, damit die ganze Schose sicher den Berg wieder herunterkommt, sehe ich vor mir eine dieser sehr, sehr hohen Autobahntalbrücken. Nicht genug, fängt direkt davor eine Baustelle an, die die rechte Spur in einem Schlenker auf die rechte Brückenseite führt, die linke Spur auf die linke Seite. Mit dem Rechtsschlenker geht es noch, als zusätzlich Schikane über eine zwar geglättete, aber stattlich Kante.

Sofort war sämtliche Lebensmüdigkeit vorbei. Adrenalin schießt hektoliterweise durch alle Zellen. Wenn jetzt die Bremsen versagen, ein Reifen aufgibt und ach, die Lenkung knackst auch manchmal so verdächtig, ojemine, dann kann ich entweder in den Gegenverkehr braten oder es reißt mich zu weit nach steuerbord durch das streichholzartige Brückengeländer in eine Tiefe von ca. 200 Metern und ich bin tot, tot, tot, tot. Zerschellt. Rote Stampfkartoffel.

Diese Vorstellung treibt mich zu äußerster Konzentration, ich schwitze Blut und Wasser, nehme auf der Stelle 200 Gramm ab, kümmere mich um nichts als das vorliegende Hindernis und schaffe es wimmernd, mit rappelnder Lenkung hindurch, schwöre mir 100 mal ‚Nie wieder‘ und will nur noch leben, leben, leben!

Irgendwann mittags und dutzende Male Steigung-Brücke-Baustelle später komme ich in Korbach/Nordhessen an.

Korbach in Mittagstaumel

Der neue Besitzer erwartet mich freundlich, scheint mir die Strapazen aber anzusehen, denn er witzelt, daß er den Haufen Schrott nicht mehr haben will, und ich ihn doch wieder mitnehmen solle. Eher stecke ich die Karre an, auf seinem Hof, entgegne ich, und das sitzt. Nach kurzen Nachverhandlungen mit Mirko, dem Verkäufer, drückt er mir mehrere tausend €uros in die Hand und läßt mich nach Kaffee und Kuchen von seinem Sohn zum Korbacher Bahnhof bringen, wo ich eine Regionalbahn nach Kassel besteige. Die Fahrt geht 90 Minuten durchs beschauliche Hessenland, dem mitteldeutschen Einfamilienhaus-Eldorado. Insofern kaum eine Hochgeschwindigkeitsstrecke und kein Fortschritt zur fahrenden Schrömmelküche.

Nordhessiches Idyll entlang der Strecke der Kurhessenbahn

Der ICE-Train von KS-Wilhelmshöhe ist schon flotter, aber auch keine Rose ohne Dorn: Kurz vor Braunschweig hängt ein Kinderdrache in der Oberleitung – Low-Tech beats High-Tech – und ein munteres rangieren durch das südliche Niedersachsen nimmt seinen Lauf: Zurück nach Lehrte, warten auf ein anderes, freies Gleis, noch mehr warten, dann heut mal Wolfsburg statt Braunschweig und dann endlich, endlich wieder in Berlin. Im Ostbahnhof busserl ich den Bahnsteig ab wie ein Papst.

Den Ostersamstag dann muß ich mich natürlich erholen. Mit Henning, dem treusten innerstädtischen Reisebegleiter, fahre ich nach Potsdam zum Viertligaspiel des Babelsberg 03 gegen FC Karl-Marx-Stadt. Sofort nach Ankunft sind wir uns einig, daß das unser Lieblingsklub wäre, wenn es nicht so verdammt weit raus wäre. Ansonsten ist alles da, was der gebildete Fan so braucht: Schön gelegenes Stadion zwischen Park und gediegener Wohngegend, mit dem schmucken Namen eines Sozialisten (Karl Liebknecht), skurrile Details wie die klappbaren Flutlichtmasten, ein St. Pauli kompatibles Publikum, hübsche Frauen, überdurchschnittliche Bier-, Nahrungs- und Fanartikelversorgung und die Fangespräche untereinander sind in unserem Stehplatzumfeld aller Ehren wert („Also ich hab da so’n Problem mit meinem Pool…“)

Der dahinter liegende Babalsberger Schloßpark ist Weltkulturerbe, und deshalb dürfen die Masten nur zu Flutlichtspielen zu sehen sein.

Aber vielleicht ist mir das auch zu viel des Guten oder alles viel zu Déjà-vu, und es ist ja auch echt ganz schön JotWeDe. Aber als Abwechslung ganz dufte. Ach ja, 3:1 gewonnen haben die 03er auch noch, was die sächsische Glatzenhorde natürlich zu Pöbeleien reizt. Ganz normal also. So und jetzt feier ich Ostern und in 3 Tagen melde ich mich dann aus der neuen Welt. Kinners, wat’n Lehm!

Mittwoch, 8. April 2009

Fastenbrechen


So, die Zeit ohne Alkohol ist vorbei. All die Vorstellungen, wie der erste Schluck nach sechs Wochen Abstinenz sein wird, auch. Auf dem Heimweg von meiner neuen Arbeit kehre in Kreuzbergs bestem Schnapsladen ein und kaufe ein Pülleken Babancourt. Zu Hause angekommen stelle ich sie auf den Tisch und wir blicken uns lange an, Babancourt und ich. Ein wenig bin ich in Sorge, ob ich dieses Teufelszeug überhaupt noch runter bekomme. Ich stelle mir eine spelzige Roggenähre vor, die mir die Strotte wieder hinauf will. Innerlich tobe ich, Babancourt bleibt stoisch. Seine Ruhe steckt mich an, ich bin cool soweit und völlig leidenschaftslos trinke ich.

Der erste Schluck ist sperrig, der zweite schon viel weniger, beim dritten ist die Lampe an. Dann geht jetzt wohl seinen Gang.

Mittwoch, 1. April 2009

Möcht ich hier tot über'm Zaun hängen?

Jetzt isses passiert! Berlin reißt seine Fenster uff, läßt leichte Musik nach draußen schallen, reißt sich die Plünnen vom Kalkweißen Leib und übt Italien im Café. Alles nur, weil die Sonne scheint. Und 12° ist. Gefühlt 34. Dazu wird gelächelt als gäb’s kein Morgen. Mit einem Mal ist aller Frost vergessen, Depressionen werden vertagt bis nächsten Winter. Nichts erinnert mehr an des Daseins Vergänglichkeit, alles ist nur noch Jux und ‚Leben – Leben – Leben‘. Der Frühling ist ausgebrochen. Schlechte Zeiten für Misanthropen.

Wie gut, daß Roland anruft und guten Rat verbreitet: „Komm, wir fahren nach Stahnsdorf. Da gibt’s einen riesigen Friedhof!“ Super! Das scheint mir die Lösung. Bestimmt kann man dort einen solchen Tag in Ruhe genießen, während das irre Hauptstadtvolk sich in eitlem Getue auf sonnenbeschienenen Plätzen fläzt. Wir werden beide nicht enttäuscht.

Der Südwestfriedhof vor den Toren der Stadt wurde 1909 angelegt, als sich eine Verknappung der zur Verfügung stehenden Begräbnisfläche abzeichnete. Nach dem dann üblichen Getue und anschließender Bebauung hatte man 28.3.1909 einen schönen neuen Gottesacker. Nach Ohlsdorf der zweitgrößte in Europa. Mit eigenem S-Bahn Anschluß. Quasi hochmodern. Und da man seinerzeit den bedeutenden Garteningenieur Louis Mayer mit der Gestaltung beauftragt hatte, ist er auch 100 Jahre und 3 Tage nach seiner Eröffnung ein sehr gelungenes Ensemble von pflanzlichem Wuchs und rottendem Gebein.

Wie sich das für so ein großes Gelände gehört findet sich neben Toten wie Du und ich auch jede Menge berühmtes Volk und was sich dafür gehalten haben mag. Das sind dann wohl die, welche sich ihren Status gleich mit in Stein haben meißeln lassen, z.B. Philatelist, Wirklich Geheimer Rat oder, wie unser guter Freund von Levetzow gleich alle seine je angehäuften Ämter.

Immer erstaunlich, wer so alles Gott für sich reklamiert

Interessant ist auch die lange Reihe großer Familiengruften mit pompöser Besteinung, die gern von dem ein oder anderen Mausoleum, etwa Langenscheidts, aufgelockert wird. Oft fehlen jedoch metallene Buchstaben oder gar ganze Eisenplaketten. Ob sie die Beute von Rohstoffdieben geworden sind?

Eine geöffnete Tür hat immer etwas einladendes

Wir wissen es nicht, gehen weiter, schauen hierhin und dorthin, entdecken Kurioses und Anrührendes. Roland trägt en Gedicht von Traxler vor, das überhaupt nicht passt, aber famos zur Erheiterung beiträgt.

Lebensbejahende Grabgestaltung von Max Taut

Nach stattlichen zwo Stunden Entdeckungstour kommen wir bei der im norwegischen Stil erbauten Kapelle an, die locker die Größe einer Kleinstadtkirche hat. Auf dem ausgestellten Plan erkennen wir, daß wir gerade mal ein Drittel geschafft haben, den schwedischen Teil mit seinen tackernden Spechten nur gestreift und die italienischen und britischen Soldaten gar nicht besucht haben. Auch so wohlklingende Bereiche wie ‚Gustav-Adolf‘ oder ‚Neue Umbettung‘ verschieben wir auf das nächste Mal. Ein wenig fußlahm schleppen wir uns zum Elch und gondeln gemütlich zurück in Richtung Zehlendorf.

Weil es aber noch so früh ist, die Gelegenheit günstig und der Hafer noch doch endlich sticht, gehen wir aufs Ganze und bahnen uns den Weg in den Grunewald zum kleinen, feinen Grunewalder-Forst-Friedhof, auch Selbstmörderfriedhof genannt. Es sind hier aber nicht nur Verzweifelte zur letzten Ruhe gebettet und eigentlich wollen wir nur einen kurzen Blick auf Nicos Grab werfen. Bis wir es gefunden haben können wir aber einige interessante Steine sehen, auf denen kein Name steht, nur Papa oder Mama oder beides.

Wir finden noch das kleine unscheinbare Feld der ehemaligen Velvet Underground Sängerin und ihrer Mutter. Es sind einige handfeste Beigaben um den Stein drapiert, wie Bier und kleine Schnapsbuddeln, und in den umstehenden Zweigen hängen kryptische Gedichte von Fans, die, so scheint’s, auch ganz schön auf Droge sind. Abschließend genießen wir noch einmal die Stille. Dann schemmen wir gemütlich heim. Und Friedrichshain ist voller Blagen. Ach ja, ewges Werden und Vergehen.