Donnerstag, 12. Februar 2009

Die ständige Neuerfindung des heißen Breis

Jetzt habe ich es mit etwas Fleiß und ein bißchen Korruptheit geschafft, ein paar Kröten auf die Naht zu bekommen, und was mache ich damit? Ich bringe es unter die Leute. Sobald ich Geld besitze, gebe ich es auch aus. Kein besonders origineller Einfall, gebe ich zu. Der Gedanke, daß das Geld auch für ein paar Tage länger halten könnte ist mir zwar auch schon gekommen, hat jedoch letzten Endes keinen Charme. Ich bin eben ein guter Konsument. Das freut die Unternehmerschar. So einen wollen sie doch immer. Kaum was auf der Tasche und schon Jupp heidi. Den ganzen Tag den gedruckten und gesendeten Kaufempfehlungen Folge leisten.

Sicher gibt es in diesem Land einige Hunderttausende, die gern mittäten, liebend gern die allerbravste Kapitalistenkokotte spielten, allein: Sie haben nix, sind working poor oder gestrenge Hartzianer. Sie müssen mit ein paar Brosamen vorlieb nehmen, die beim marktwirtschaftlichen Getöse abfallen. Dabei lassen sie sich von sozialdemokratischen Märchenonkeln mit Geschichten über Vollbeschäftigung erheitern. Manchmal glaube ich, Olaf Scholz hält sich für so eine Art Papst. Zumindest heuchelt er genauso viel dummes Zeug und ist auch ähnlich nutzlos für eine klare Welt.

Die einzig legitime Kapitalismuskritik ist doch die Konsumverweigerung. Die will natürlich ernsthaft keiner. Dabei ist es schon lustig, daß arme Menschen dazu gezwungen werden.

Ein schlagender Beweis für die verbrecherische Parkmoral in deutschen Großstädten

Sonntag, 8. Februar 2009

Ist eben Februar

Heute Morgen noch zwitschern die Meisen auf Frühling komm raus, vorwitzige Sperlinge streiten bereits um die besten Plätze für die anstehenden Kopulationsfeierlichkeiten, und ich freue mich auf den geplanten Ausflug mit Roland nach Groß Köris. Die Sonne scheint, wir wollen mal nach den Booten schauen. Mirko, der sächsische Caterermogul, ist mit von der Partie. Heißa, eine muntere Herrenrunde.

Marcus‘ Elch fährt uns wie gewohnt stracks ins Umland. Doch was ist das? Kaum 50 km weiter südlich fegt Kollege Wind grimmig ums Eck, und Meister Sonne hat plötzlich keine Lust mehr. Als ich dem Volvo entsteige, muß ich mich morgendlichen Optimismus‘ zeihen. Ich habe doch echt geglaubt, auf dicke Socken und wollene Wäsche verzichten zu können. Klassischer Trugschluß, der mir von meinen Mitreisenden unter schlimmen Klugscheissereien unter die frostige Nase gerieben wird. Na, tolle Wurst!

Und anstatt sich diese harten Männer nun an ihre Arbeit machen und mal eben ihre landgelagerten Boote und deren Planen nachsehen, schwatzen sie noch munter mit dem Verwalter Zilm über dieses und jenes, die alte „Liesel“, früher in der DDR, die Jagd als solche und im Speziellen und so weiter und so fort.

Roland und die alte "Liesel"

‚Das machen die doch extra‘, denke ich, lasse mir aber nix anmerken, versuche lieber mit zwo Papageien in einer Voliere, von Gevatter Zilm gezüchtet, eine Unterhaltung anzufangen. Die possierlichen Tierchen sind sehr zugänglich und beherrschen allerlei Klick- und Pfeiflaute. Dennoch frage ich mich, wie sie diese barbarische Kälte aushalten. Egal, sie tun’s halt.

Zwischenzeitlich verpisse ich mich ins Auto, da weht wenigstens kein Wind. Als die Buben endlich kommen, denke ich, daß es jetzt endlich heimwärts geht, aber weit gefehlt. Sie wollen noch zum See. Listig, wie ich nun mal bin, gehe ich mit. Ich rechne mir Chancen aus, sie dergestalt manipulieren zu können, daß sie ihren Ausflug abkürzen und wir endlich wieder verschwinden können. Doch diese Schurken sind aus hartem Holz. Sogar das Gegenteil tritt ein: Verschiedene Male wird auf exponierten Anlegern, im eisigen Luftstrom stehend, die malerische Schönheit des immer noch zugefrorenen Sees beschworen. Und jede meiner Äußerungen bringt mir lediglich Hohn und Spott ein. Nicht einmal mein unter Ostwind provozierten Tränen hervor gestottertes Bekenntnis, eine staatlich geprüfte Memme zu sein, erweicht die hartherzigen Halunken. Sie lachen mich gar noch aus.

Als wir nach etwa zwei Stunden wieder im Elch nach Berlin sitzen, geht es mir langsam wieder besser. Die Lebensgeister kehren wieder, auch wenn sich meine Füße immer noch anfühlen, als wäre ich ein Erpel auf eisigem Teich. Zu Hause dann drehe ich alle Heizkörper auf volle Lutsche. Am Morgen hatte ich noch gedacht, man könne sie peu á peu …ach je! Jetzt geh ich im Bette drinne rein und ruf den Pizzadienst an.


Freitag, 6. Februar 2009

Nässen mit der Handpumpe

Meine Güte, ist das alles wieder lang her! Den letzten Eintrag, meine ich. Viel ist aber auch nicht passiert, d.h. die Stunden und Tage sind schon vorbei gegangen und sie waren angefüllt mit Tätigkeit im besten protestantischen Sinne des Mehrwertschaffens. Seit Dienstag helfe ich bei diversen Renovierungen, nicht Tragisches und ein bisserl was gibt’s auch dafür und doch: Allein die Aussicht, den nächsten Tag mit sachtypischen Beschäftigungen zu verbringen, mit schleifen und streichen, Dinge hin- und herschlörren und ähnlicher Unfug, läßt mich wieder die große Sinnfrage stellen. Nicht, daß man mich falsch verstehe; ich habe nix gegen Arbeit, doch habe ich mich beim Nässen von Wänden zwecks ablösen von Tapeten, ausgerüstet mit einer 5-Liter-Handsprühpumpe, gefragt, wo sowas hinführt. Außer, daß irgendwann unter weitgehend sinnfreiem Gesabbel und Gegröle meiner Kollegen des Betons Papiergewand abfällt. Ich finde das so wenig inspirierend wie nasser Hund. Wenn ich dann abends nach Haus komme, will ich nur noch sauber sein, essen und nicht mehr viel sonst. Gut, Bukowski hätte was daraus gemacht. Irgendwas mit baumlangen Pisshämmern oder so. Ich verstehe nicht mal, wie man bei der ganzen Schufterei an Sex denken kann. Aber der Mann hatte ja einen recht derben Geschmack. Mich jedenfalls bedrängt so nur die Frage, wie ich denn endlich, endlich stinkreich werden soll. Da es mit der eigenen Hände Arbeit nicht klappt, muß es ja wohl ohne gehen.

Nur gut, daß es bald das Grundeinkommen gibt. Aber warte, da gibt’s bestimmt einen Haken. Da werden sich die verdammten Kalvinisten schon noch was einfallen lassen.

Sonntag, 1. Februar 2009

Berlin Nacht Out

Noch stehe ich halb unter dem Eindruck der Ereignisse der letzten Nacht. Noch umwabern mich Reste eines heimtückischen Promills, welches mich und meine beiden Begleiter Matthias und Henning, irgendwann auf halber Strecke angefallen haben muß. Keiner weiß mehr genau, wie es dazu kommen konnte. Eigentlich wollten wir doch nur einen Teil der Stadt erkunden, hier eine Bar aufsuchen, dort eine noch intakte Gardinenkneipe entdecken und immer offen für die legendäre Einraumgaststätte. Ist doch eigentlich ganz harmlos, auch wenn kleingeistige Gemüter einwenden mögen, daß solch eine Unternehmung durchaus riskant sein kann und i.d.R. schon mit Katzenjammer belohnt wird. Geschenkt! Übler ist’s für den Chronisten, am nächsten Morgen tatsächlich Erlebtes vom Gespinst zu scheiden. Wie gut, daß ich Notizen gemacht habe, an denen ich mein lückenhaftes Gedächtnis aufrichten kann:

20 Uhr - „Alkopole“ Bierbar – Alexanderplatz - Mitte

Der verabredete Treffpunkt ist zu früher Stunde bereits umtost. Der Bahnhof ist ja an Wochenendabenden sowieso immer ein beliebter Treff für junge Leute. Jetzt werden sie noch von Hertha-Fans und einigen Frankfurtern in ihrem Gewimmel geholfen. Es wird krakeelt wie nix Gutes. Als ich die Bar betrete auch hier großes Bohei. Ich werde sofort und durchaus wohlwollend von einer schottischen Kleingruppe fortgeschrittenen Alters mit einer Mischung aus Lallen und Kreischen angeredet. Ich verstehe aber kein Wort. Liegt sicher auch an den alternden Hools in der anderen Ecke des Kleinstlokals und der schlimmen Schlagermucke vom Band. Fast schon bereue ich unser Vorhaben, doch bevor ich mir weitere Sorgen machen kann fällt mein Blick auf eine 70-jährge Blondine mit erstaunlichem Dekolleté, die von den Schotten ein ums andere Mal eingeladen wird und sich mit Kusshändchen bedankt.

Nach und nach trudeln Henning und Matthias ein, wir trinken zum Start schon mal ein Glas Bier; die Gelegenheit scheint günstig. Dabei zollen wir dem Lallzustand der Gäste zu diesem frühen Zeitpunkt Respekt. Besonders die schottische Reisegruppe imponiert immer aufs Neue. Herausragend ist hier ein etwa 60-jähriger mit rotem Pulli. Er spricht eindeutig am lautesten und undeutlichsten. Als er sich mal wieder mit napoleonischer Geste und unsauberem Sprachduktus meldet, versagen ihm die Knie den Dienst. Mit erhobenem Arm und einem kleinen Bäuerchen sinkt er hin. Dabei wird er fürsorglich von seinen Kumpanen gestützt. Selten habe ich einen so tadellosen und würdevollen Knockout gesehen. Man könnte meinen, dem exemplarischen Niedergang eines Weltreichs beizuwohnen.

Für den Anfang ist das nicht übel, aber wir müssen weiter. Wir zahlen und im Hinausgehen fällt mir noch ein so typisches Schild auf, mit dem Kneipenweisheit vorgetragen wird. Doch ist es hier ein Satz des Philosophen Baruch Spinoza: „Glauben ist leichter als denken.“ Alle Wetter! An diesem Ort!

21.05 Uhr – „Hans Scharoun Bar“ – Fasanenstr. – Wilmersdorf

Dieses kleine Schmuckstück war Matthias‘ Idee. Man betritt das Lokal durch die Räume einer kleinen Kunstgalerie. Von außen deutet nichts darauf hin, daß es hier gastlich wird. Es gibt keine Werbung und nichts. Man muß wissen, wo es ist. Das hat natürlich etwas Elitäres und schmeichelt dem Besucher von vornherein, von wegen geheimer Zirkel und so. Die Einrichtung des einzigen Raums hat in den 50er Jahren der berühmte Architekt für den damaligen Besitzer, einen dunkelhäutigen GI, der wegen der Liebe in Berlin blieb, im Stile einer zeitgenössischen Kellerbar eingerichtet.

Wir sind die ersten Gäste, trinken brav Bier, lauschen der distinguierten Jazzmusik und unterhalten uns über Fußball. Kein Thema, das hier besonders goutiert wird, wie wir meinen, an den Gesichtern der mittlerweile eintrudelnden protestantischen Wohlstandssnobs ablesen zu können. Eine trudelnde Partystimmung ist hier in den nächsten sechs Stunden nicht zu erwarten, die puffige Plüschigkeit des Interieurs ist aufgesogen, also gehen wir das nächste Ziel an, diesmal meine Idee, die „Giraffe“ im Hansaviertel. Allerdings erweist sich der Weg dahin als halbe Odyssee mit einem Abstecher zum Wittenbergplatz, wo Matthias sich noch Geld zieht, um dann großkotzig Ortskenntnis zu simulieren, ohne eigentlich zu wissen, wo genau das Etablissement sich befindet. Mein diesbezügliches Gemecker nutzt er, mir schlechte Recherche vorzuwerfen und somit alle Schuld von sich zu weisen. Immerhin erschauen wir auf dem Weg die spanische Botschaft und können wegen des gefallenen Schnees etwas im ansonsten finsteren Tiergarten etwas sehen.

23.26 Uhr – „Giraffe“ – Klopstockstr. – Tiergarten

Bei der Ankunft sind alle Animositäten rasch vergessen. Die mittlerweile grimme Kälte hat den fast einstündigen Gang zur Strapaze werden lassen und so verheißen die braun-gelben Lichter einer Giraffe auf der Außenwand uns Wärme und Behaglichkeit. Im Erdgeschoß eines Hochhauses der Interbau 1957 liegt die leider mittlerweile modernisierte Gaststätte. Man hat aber immerhin versucht, wenigstens an einigen Stellen, den Charakter des Einweihungsjahres zu erhalten. Der Tresen ist gelb geklinkert, an der Wand dahinter ein Mosaik in Giraffenform, doch leider überwiegt 90er Zweckmöbel die Szene. Leider ist auch sonst wenig los und das am Samstagabend. Also ein Bier und weiter, jetze Richtung Kreuzberg. Zu „Molly Luft“, dem Hörensagen nach die Kneipe einer gleichnamigen, alten, abgewrackten Fettel, die sich nach der Wende wohl einigen Meriten im Extrempornobereich erworben hat.

Leider werden die Temperaturen immer schneidender, und Henning fängt das Jammern an, was Matthias zu aufmunternden Kritik veranlasst („Mit so Studenten nicht nochmal“). Dummerweise hat Molly ihre Pornobude dicht gemacht und so nehmen wir die erstbeste Kneipe, die uns unterkommt.

0.41 Uhr – unbekannte Spelunke – Urbanstr. - Kreuzberg 61

Echte Gardinenkneipe! Den Namen habe ich mir vor Schreck nicht merken können. Beim Eintreten schon werden wir von einem Tresenbeisser mit einem zugekniffenen Auge bei zurückgenommenem Oberkörper taxiert. Er hält uns wohl für korrekt, wir bestellen drei Biere bei dem freundlichen Kneipier und durchqueren die 8 m² Schankraum ins Dartzimmer, wo wir sogleich von einem äußerlich gepflegten, aber charakterlich zweifelhaften und stark angetrunkenen Subjekt von ca. 55 Jahren mit einer schäbigen Zote begrüßt werden. Da er aber nebenbei mit seiner Ollen und einem dicken Kumpel Darts spielen muß, können wir uns fürs Erste untereinander austauschen. Die frühen „Tatort“-Folgen um Zollfahnder Kressin sind ein Thema, auch Pornografie im Internet, siehe Molly Luft, und Matthias streut ein Zwischenfazit: „Das pornografische Internet zerstört doch alle Erzählstrukturen.“ Was ein Hammer! Das denkt sich wohl auch die Nervensäge vom Dartstand und drängt sich jovial an unseren Tisch, gefolgt von seiner Matrone, die beide auffällig oft fragen, wo wir denn unsere Frauen hätten. Als er dann noch eine Anspielung auf Mattias‘ Ohrringe raushaut, fällt der Groschen. Sie glauben sich wohl drei perversen Schwulen auf der Spur, die bedauerlicherweise nichts von Mollys neuen Kneipenplänen wissen.

Henning ist mittlerweile still geworden. Er rollt nur noch mit den Augen. Ich muß mal austreten, der holde Gerstensaft drückt auf die Blase. Auf der Herrentoilette dann eine Waschmaschine, mit dem Ablaufrüssel im Waschbecken. Faszinierend! Als ich an den Tisch zurückkehre ist man schon bei ganz anderen Themen. Ob wir nicht einen Kaminbauer kennen, der einem so ein Ding ins Wohnzimmer baut. Begleitet wird der Vortrag von der Schabracke mit technisch hochwertigen Details („Wir ham ja allet aus Asbest, da müsste dann schon ein Kamin rinne, wär ja gut oder vielleicht geht det ja ooch mit’n Alurorhr…“). Heilige Scheiße! Und zwischendrin immer wieder Fragen nach unseren Frauen und dieses typische suffige entschuldigen von minder selbstsicheren Trunkenbolden.

Dennoch verabschieden wir uns herzlich, nicht zuletzt von dem zuvorkommenden Wirt, der zwischenzeitlich gar anbot, unsere Kletten rauszuschmeißen.

Auf der Straße herrscht munteres Schneetreiben. Dicke Flocken wirbeln uns um die Fressen. Der Wind kommt von vorn und hat eine Eisigkeit, die schmerzt. Gut, daß es zum Kottbusser Tor nicht sehr weit ist.

2.32 Uhr – „Möbel Olfe“ – Kottbusser Tor – Kreuzberg 36

Das ehemalige Möbelhaus empfängt uns am hässlichsten Platz der Welt im Erdgeschoß einer 70er Jahre Westplatte mit Ausblick auf Lieferanteneingänge und Schuttcontainer. Heimeliges Gitarrengeschrömmel und rotziges Personalgebaren im Dekor nackten Schalbetons lassen mich zeitreisen. Aus dem Hahn läuft goldenes „Zywiec“-Bier. Wir lassen es uns gut gehen, müssen aber auch die letzte Lokalität erstmal therapeutisch verarbeiten. Gelingt ganz prächtig, da wir mit Leichtigkeit unsere Einschätzung der Lage in einen komischen Kontext überführen können.

Draußen fällt derweil wieder Schnee, einige Jugendliche machen sich an dem Container zu schaffen, andere randalieren ziellos. Doch all diese versammelten Attribute der 80er lassen nicht darüber hinwegsehen, daß auch unsere geliebte Hauptstadt radikal modernisiert wird und dabei erst ihren einzigartigen Charme verliert und dann in Folge auch all ihren Glamour und ihre Einzigartigkeit. Etwas trüb stieren wir auf unsere Biere, gewiss, einem unaufhaltsamen Prozess deutscher Verordentlichung beizuwohnen. Bevor wir aber gemeinsam Seppuku begehen, muß noch ein letztes Mal der Ort gewechselt werden.

3.27 Uhr – „Würgeengel“ – Dresdener Str. – Kreuzberg 36

Ein wenig widerstrebend läßt man uns ein. Es sei schon spät, aber na gut, auf ein Getränk, das ginge wohl. Wir versprechen hoch und heilig folgsam zu sein. Offenbar ist das Promill bereits tief in uns eingedrungen und der Rubikon ist überschritten. Jetzt wird es schwierig aufzuhören. Aber wir bleiben immerhin beim Bier, Schnaps wäre jetzt fatal.

Die beschlipsten Fachkräfte bewegen sich elegant hinter dem Tresen ihrer Art-Deco Bar, davor hocken nicht mehr viele Nachteulen. Während unserem immer noch angeregten Gesprächen beobachten wir zwei persische Schnullerbacken, die sich an zwo Frauen ranmachen, die eine ‚Blondes Gift‘, die andere etwas hausbacken. Wie zu erwarten, macht der hübschere Jüngling die Eröffnung auf die Blondine, während sein leicht steifhüftiger Kollege die andere Dame ablenken muß. Sehr geschickt stellen sie sich alle nicht an, aber wer weiß schon, was sie im Einzelnen für Ziele verfolgen.

Wir bekommen ohne Probleme noch mehr Bier und verfolgen die Rituale wie Wetter auf der Rennbahn, und ich steuere gewohnt großspurig Erlebnisse aus der eigenen Jugend bei, höre mir die Ausführungen meiner Freunde an. Matthias fühle ich mich gar bemüßigt, einen Tausendsassa zu nennen, was dieser mit Bescheidenheit kontert („Ich war zeitlebens nur ein Hundertsassa.“).

Um 4.29 überlassen wir das Personal und den flotten Vierer ihrem grauen Schicksal. Wir nähern uns dem Zustand, wo sich jeder selbst der Nächste ist, da kann man sich nicht noch um fremder Leute Liebesdinge kümmern. Außerdem muß ich gefühlt alle 8 Minuten pissen. Es ist wirklich an der Zeit, Vernunft walten zu lassen. Also gehen wir zum U-Bahnhof Kottbusser Tor. Daß der Kiosk dort unten noch auf hat, läßt uns die Euphorie in Raserei verfallen. Freudig erregt besorgt sich Matthias noch ein Fahrbier, Henning einen Schokoriegel und ich einen klitzekleinen medizinischen Wodka. Schließlich ist es kalt.

Am Alex, wo immer noch viele Menschen sind, nun aber deutlich angeschlagener, verabschieden wir uns beglückwünschend, wobei wir insgeheim schon das Ziel einer nächsten Schundnacht ausmachen: Moabit und/oder Wedding!